Biomechanik moderner Pferde

Wie funktioniert die Biomechanik des modernen Reitpferdes?

 

In der Ausbildung zum Reitpferd geht man in vielen Reitlehren davon aus, dass der Rücken eine Grundfestigkeit mitbringt. Das von Natur aus vorderhandlastige Pferd soll im Laufe der Ausbildung seinen Schwerpunkt weiter nach hinten verlagern. Auf diese Weise nimmt das Pferd vermehrt Last mit der Hinterhand auf und trägt sich über den Rücken. Das Pferd hebt sich also von hinten nach vorne an, wird vor dem Reiter mehr und läuft in die Hand hinein.

Doch leider ist dies mit vielen Pferden nur noch schwer umsetzbar, da in der Zucht auf gangstarke Pferde selektiert wurde, die mit der Hinterhand schieben, anstatt zu tragen. Damit diese Pferde nicht komplett nach vorne kippen, muss der Reiter allzu oft mit Sitz und Hand dagegenwirken.  Eine Tragehaltung (Selbsthaltung) kann so nicht erreicht werden.

 

Wo liegt nun die Ursache für dieses Problem?

 

Viele Pferde sind im Becken nicht mehr statisch, sondern beweglich. Ein Warmblut von vor 40 Jahren brachte ein wesentlich geringeres Bewegungspotenzial mit. Die Bewegungsabläufe waren flacher und unspektakulärer. Während die Pferde erst durch die Ausbildung zu raumgreifenden Tritten in der Lage waren, brachte die Zucht im Laufe der letzten Jahrzehnte ein Pferd hervor, das bereits elastisch schwingende Bewegungsabläufe mit viel Raumgriff mitbringt.

Um aus dem eher zähen Warmblüter von damals ein leichtrittigeres Pferd zu machen, wurde der feingliedrige Vollblüter eingekreuzt. Dadurch entstanden athletische Reitpferde mit mehr Raumgriff. Der erfolgreiche Zuchtfortschritt veranlasste die Züchter den Vollblüter immer mehr einzukreuzen. Das Exterieur eines Vollblüters kennzeichnet sich durch ein langes und hohes Hinterbein mit viel Schubkraft aus. Dadurch wird der Schwerpunkt nach vorne verlagert und die Abwärtshaltung verstärkt. Im folgenden Bild sind die Eigenschaften des Vollblüters bezogen auf sein Exterieur dargestellt.

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Beim Vollblüter dient die hohe Schubkraft im Hinterbein der Schnelligkeit und schnell läuft es sich bekanntlich abwärts am besten. Das Becken steht also im Schub und drückt die Wirbelsäule und damit die Vorhand vorwärts abwärts. Dies ist allerdings nicht die Körperhaltung, in der das Pferd tragen kann. Je mehr Aktion in der Hinterhand im Laufe der Ausbildung von dem Pferd gefordert wird, desto mehr wird es vorne gehalten werden müssen. Auf diese Weise schiebt sich das Pferd regelrecht zusammen, anstatt sich über den Rücken anzuheben. Je nach Körperbau geht jedes Pferd mit der erhöhten Schubkraft unterschiedlich um. Manche Pferde flüchten sich ins Rennen. Sie laufen im Grunde genommen vor ihrer eigenen Hinterhand davon. Ist das Pferd einmal in Fahrt, muss es immer weiterlaufen, um sich halten zu können. Das ist wie beim Fahrradfahren, wobei man über die Geschwindigkeit zu einer besseren Balance finden kann. Andere sind eher triebig, da sie genau wissen, dass sie ihr Gleichgewicht verlieren, wenn sie aktiver laufen sollen. Und wieder andere reagieren auf die abwärts drückende Wirbelsäule mit Unwilligkeit, wie den Schenkel verweigern, Buckeln, Steigen, mit dem Kopf schlagen, gegen das Gebiss gehen, sich hinterm Gebiss verkriechen oder auch Stolpern.

Bei einem Dressurpferd möchte man eigentlich über die aktive Hinterhand eine relative Aufrichtung erreichen. Durch die erhöhte Schubkraft ist allerdings das Gegenteil eingetreten, eine erhöhte Abwärtshaltung.

Auf dem Bild sieht man, wie die Schubkraft der Hinterhand das Pferd hinten leicht werden lässt (die Kruppe kommt hoch) und die Energie nach vorne unten schiebt. Der Rücken zeigt abwärts und drückt das Pferd auf die Vorhand. Der Reiter hält gegen und das Pferd rollt sich ein.

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Um in der Zucht immer spektakulärere Bewegungen hervorzubringen, wurde stark auf das Bewegungspotential selektiert. Das bedeutet, dass die Festigkeit der Sehnen und Bänder durch gezielte Anpaarungen herabgesetzt wurde.

Hierzu ein Beispiel: Die meisten Menschen sind ohne Training nicht in der Lage, einen Spagat zu machen. Menschen mit einer Bindegewebsschwäche und elastischeren Sehnen jedoch schon. Würden sich nun nur noch diese Menschen fortpflanzen, hätte man bald viele gute Turner, aber keinen Gewichtsträger mehr. Bei vielen Pferderassen kann diese Entwicklung beobachtet werden.

Wenn das Becken als Dreh- und Angelpunkt der Kraftübertragung keine stabile Verbindung zur Wirbelsäule hat, greift die Aktion aus dem Hinterbein nicht in den Rücken.

Hier mal ein Bild zur Veranschaulichung.

Links ein Pferd mit einer guten Verbindung vom Becken in die Wirbelsäule. Hier sieht man gut, wie das Pferd vor der Reiterin mehr wird und sich vom Becken über den Rücken trägt. Die Wirbelsäule (rote Linie) wird angehoben.

Auf dem rechten Bild ist die Verbindung vom Becken in die Wirbelsäule gestört. Daher fällt die Wirbelsäule (rote Linie) abwärts und drückt das Pferd vorne runter. Das Pferd kippt vorne über und kommt damit hinter die Senkrechte. Zudem ist zu sehen, dass die Hanken in dem rechten Pferd nicht arbeiten. Wenn das Gewicht vermehrt auf die Hinterhand gebracht wird und die Muskulatur im Hüftgelenk nicht arbeitet, wird ein Großteil des Gewichtes über den Fesselkopf abgefangen. Hier kommt es dann schnell zum Verschleiß.

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Die hohe Schubkraft führt besonders bei Pferden, die außerdem über eine geringere Grundstabilität verfügen, zu einer großen Belastung der passiven Tragestrukturen.  Fehlhaltungen und verspannte Muskeln sind die Folge. Ein regelmäßiger Besuch des Pferdeosteopathen ist daher nicht selten erforderlich.

 

Im letzten Jahrzehnt wurden zudem die Körpermaße des Warmblüters züchterisch verändert. Das enorme Bewegungspotential kommt bei längeren Beinen besser zur Geltung. Die längeren Beine bedingen auch längere Hälse, wodurch der Schwerpunkt sich weiter nach vorne verschiebt. Zudem wurden die Pferde im Rücken immer kürzer. So wurde aus dem einst kräftigen im Rechtecktyp stehenden Pferd, das über viel Boden stand, ein schmales Pferd, das im aufgestellten Rechteck über wenig Boden steht. Das hier Balanceprobleme vorprogrammiert sind, ist einleuchtend. Allerdings bringen die veränderten Körpermaße auch noch weitere Probleme für eine funktionierende Biomechanik mit sich. Die langen Hinterbeine greifen weit vor. Um sich nicht in die Ballen der Vordergliedmaßen zu treten, weichen sie sich aus und laufen an der Spur vorbei (gelber Kreis), wie im folgenden Bild. Das Bein fußt dadurch leicht schräg auf, was zu einer punktuellen Überbelastung in den Gelenken führt. Das schräg gesetzte Bein hat zur Folge, dass das Pferd sein Becken ebenfalls leicht schräg legt. Dies setzt sich weiter auf eine verdrehte Wirbelsäule fort.

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Gepaart mit dem kurzen Rücken ergibt sich eine kleine Unterstützungsfläche. Das bedeutet: Wenn das Pferd im Rahmen laufen soll (und nur im Rahmen kann es tragen), müsste es eigentlich sehr kurze Schritte machen. Diese reichen dann nicht, um allein durch ein Antreten den Rücken von hinten aufzuspannen. Somit sind die langen Beine mit der kleinen Unterstützungsfläche hinderlich, um in den Rücken greifen zu können.

In der folgenden Abbildung sieht man, wie sich die Motorik, Stabilität und Körpermaße beim Warmblüter im Laufe der Zeit durch die Zucht verändert haben.

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Bild unten rechts

Quelle: Vom Flucht zum Designerpferd, Barbara Schulte, Zeichnung: Dianne Breeze

In den 80-er Jahren stimmte noch der Schwerpunkt und die daraus resultierende Motorik (also keine erhöhte Abwärtshaltung /Schubkraft), die Körpermaße und die Grundstabilität. Die Energie aus der Hinterhand (blauer Pfeil) hebt die Schulter an. In den 90-er Jahren ist die Schubkraft bereits erhöht, wodurch zunächst der Raumgriff den Rahmen überschreitet. Dadurch entstehen Taktverschiebungen. Ab 2000 führt die erhöhte Schubkraft zu einer erhöhten Abwärtshaltung. Hier schafft es das Pferd nicht mehr, sich durch die Aktion der Hinterhand anzuheben. Dadurch funktionieren auch die Muskelkreisläufe im Pferd nicht mehr und die Oberlinie baut ab. Ab 2010 kommen die veränderten Körpermaße immer mehr zum Vorschein. Das Pferd sackt mit der Hinterhand nach hinten weg. Hinter dem Rahmen kann es nicht tragen und die Gelenke der Extremitäten werden stark belastet. Das Pferd wirkt durch das Wegsacken hinten und dem angezüchteten hohen Widerrist zwar bergauf, drückt sich aber mit der schiebenden Motorik nach wie vor vorne runter. Um die Balance nicht zu verlieren, stecken sich viele Pferd im Hals auf.