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Tragfähigkeit

Wie erkenne ich, ob ein Pferd tragfähig ist?

Das Pferd ist von Natur aus ein Lauftier. Das heißt, seine Biomechanik ermöglicht es ihm vor allem, sich fortzubewegen. Aber auch dabei ist eine gewisse Tragfähigkeit wichtig, um sich selbst tragen zu können. Im Alter lässt diese oft nach und es kommt zu einem Abbau an Tragemuskulatur.

Man kann sich nun also vorstellen, dass ein Pferd, welches zum Reiten GENUTZT wird, eine besonders gute Tragfähigkeit mitbringen sollte.

 

Was sind die wichtigen Voraussetzungen, die ein tragfähiges Pferd braucht?

 

Denken wir mal an ein Haus. Damit ein Haus tragfähig und stabil ist, braucht es eine gute Statik. Das ist beim Pferd im Grunde genommen nicht anders. Natürlich ist ein Pferd ein Lebewesen und kann kleine Defizite in der Statik auch muskulär ausgleichen, effizienter und energiesparender ist es aber immer mit der besseren Statik.

Man stelle sich beispielsweise einen stabil gebauten Menschen und einen „Schlangenmenschen“ (hypermobil) vor. Der Stabile kann mit etwas Training schwere Gewichte tragen. Der Schlangenmensch wird zum Tragen von Lasten sehr viel mehr Aufbautraining benötigen und dennoch nie die Leistung des stabilen Menschen erreichen. Deshalb ist eine gute Statik mit einer Grundstabilität auch für ein Reitpferd das A und O.

Wie sieht nun eine gute Statik aus?

 

Eine gute Statik beginnt mit einem stabilen Fundament. Hierbei ist zum einen die Stellung der Gliedmaßen ausschlaggebend. Fehlstellungen können angeboren, aber auch durch andere Defizite im Körperbau erworben sein. So oder so deutet es auf Schwächen in der Statik hin. Wichtig ist auch die Knochen- und Gelenkstärke, sowie die Festigkeit der Sehnen und Bänder.

Nun ist entscheidend, wie die Statik des gesamten Pferdekörpers aussieht. Jedes Pferd verfügt naturgemäß über eine von hinten nach vorne leicht abfallende Wirbelsäule. Diese ermöglicht dem Pferd eine schnelle Flucht bei Gefahr. Die Rückenlinie verläuft aufgrund der längeren Dornfortsätze im vorderen Bereich nicht parallel zur Wirbelsäule. Ist die Rückenlinie bereits sichtbar nach vorne abfallend, ist dies ein Zeichen für eine verstärkte Abwärtshaltung, die zur Vorderhandlastigkeit führt.

 

So eine verstärkte Abwärtshaltung kann mehrere Ursachen haben. Zum einen kann eine Bindegewebsschwäche dafür verantwortlich sein. Ist diese noch mit einer dynamisch schiebenden Hinterhand gepaart, drückt das Becken die Wirbelsäule nach vorne abwärts. Daraus ergeben sich mit der Zeit ein hochgestelltes Becken und eine abgesunkene Wirbelsäule, sowie Brustkorb. Auch die Halsung wird durch eine solche Statik beeinflusst. Aufgesteckte Hälse sind meist das Resultat.

Wichtig ist also eine Grundstabilität im Bindegewebe und eine Hinterhandmotorik, die trägt anstatt schiebt. Für eine tragfähige Statik müssen außerdem die Körpermaße stimmen. Ein Pferd im aufgestellten Rechteck wird deutlich größere Balanceprobleme haben, als ein Pferd im Rechtecktyp. Zudem bedingt der kurze Rücken, gepaart mit den langen Beinen, dass diese Pferde nur schwer über den Rücken gehen können. Sind diese Pferde dann noch durch ein schlechtes Bindegewebe instabil, ist die Tragfähigkeit eingeschränkt.

Ein tragfähiges Reitpferd steht demnach im Rechtecktyp und hat optimalerweise Ellbogen und Kniescheibe auf einer Höhe. Aussagekräftig ist auch die Bemuskelung. Ein Pferd mit einer schlechten Statik wird Fehlhaltungen einnehmen, um sich besser halten zu können. Die schlechte Körperhaltung führt folglich zu Verspannungen und diese verhindert den Aufbau der Tragemuskulatur.

In der folgenden Abbildung sieht man links ein Pferd im Reitpferdetyp. Die gelbe Linie zeigt einen annähernd waagerechten Verlauf der Wirbelsäule. Dadurch bringt das Pferd eine gute Balance mit. Das Pferd auf dem rechten Bild hat eine deutlich nach vorne abwärts verlaufende Wirbelsäule. Damit ist die Abwärtshaltung sowie Vorderhandlastigkeit verstärkt. 

Dies hat auch Auswirkungen auf das Training dieses Pferdes. Bei dem Pferd links greift die Aktion der Hinterhand über eine starke Verbindung in den Rücken. So kann durch Lektionen wie Übergänge und Tempiwechsel aus der Schubkraft die Tragkraft erhöht werden. Anders sieht es bei dem Pferd rechts aus. Hier ist die Verbindung der Hinterhand in den Rücken schwach. Daher konnte die Wirbelsäule absacken. Das schiebende Hinterbein schafft es somit nicht den Rücken anzuheben. Anstatt die Tragkraft zu erhöhen, wird die Wirbelsäule mit jedem Schritt weiter runter gedrückt. Das Pferd befindet sich sozusagen in einem Teufelskreis. Um die Verbindung in den Rücken wieder zu stärken und die Wirbelsäule anzuheben muss die Hinterhandmotorik von schiebend zu tragend umgeschult werden. 

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Die folgende Abbildung zeigt Skelette mit ähnlichem Exterieur, wie sie die Pferde in der obigen Abbildung aufweisen. Das linke Skelett stellt eine gute Basis für ein ausbalanciertes und tragfähiges Reitpferd dar. Die Wirbelsäule verläuft nur leicht abwärts. Auch die Winkelung von Becken und Oberarm, sowie von Schulterblatt und Oberarm sind harmonisch. Das Skelett rechts hat eine deutlich abwärts verlaufende Wirbelsäule. Dadurch liegt der Brustkorb tiefer zwischen den Schulterblättern und das Pferd wirkt überbaut. Dies ist nicht auf einen Wachstumsschub zurückzuführen, sondern ein Zeichen einer Trageschwäche. Das Becken steht in diesem Fall oft spitz nach hinten heraus gestellt. Die Winkelung der großen Gelenke sind bei diesem Skelett in der Vorhand groß, während der Winkel in der Hinterhand klein ist. 

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